Von Licht und Finsternis

An diesem Wochenende haben wir unseren Pastor Thomas Laufmöller verabschieden müssen. Ich fühle mich nicht erst seit heute, aber besonders heute zutiefst von der Kirche allein gelassen. Wir waren gerade dabei, uns in einer Predigtreihe zum Licht am Ende des Tunnels vorzuarbeiten. In der Fastenzeit glauben wir sozusagen auf ein Ziel hin: auf das Licht von Ostern. Davor bündelt und verdichtet sich so viel, was das menschliche Leben ausmacht: Schuld, Gemeinschaft, Abschied, Leid und Tod. Dies in unserer Gemeinde zu durchdenken und gemeinsam zu erleben, ist mit der Entscheidung des Bischofs, unseren Pastor derart zu erniedrigen, zu Bruch gegangen.

Eine Kirche sollte für die Menschen da sein, lässt sie aber im Stich. Eine Kirche sollte die Liebe Gottes vermitteln, ist aber lieblos. Ich erwarte von keiner Kirche, dass sie perfekt ist. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen und Menschen sind keine Engel und auch nicht Gott. Trotzdem – ein bisschen mehr muss ich erwarten. Ich erwarte die frische Luft, um die es an diesem Wochenende in unserer Predigtreihe eigentlich gehen sollte. Ich erwarte, dass diese frische Luft nicht nur die Belange der Menschen der Gegenwart ernst nimmt, sondern ich erwarte auch, dass diese Kirche durch sie wieder christlich wird. Ich erwarte von dieser Kirche, dass sie auf den Spuren von Jesus Christus wandelt. Tut sie das nicht, muss ich sie gar nicht mehr verlassen. Sie hat mich schon verlassen.

Unser Pastor Thomas Laufmöller hat in seiner Abschiedspredigt deutlich aufgeführt, worin das Wesen des Christentums besteht. Jesus Christus ist das Licht der Welt und er hat die Liebe Gottes in diese Welt gebracht. Er hat diese Liebe in jeder Begegnung mit den Menschen gelebt und ist für sie bis in den Tod gegangen. Er hat den Menschen vermittelt, dass diese Liebe der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Wie kann die Kirche dieses Wesentliche aus den Augen verlieren? Wie kann es sein, dass sie die Finsternis mehr liebt als das Licht?

Vor und während der beiden Abschiedsgottesdienste sehe ich immer wieder Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Menschen. Manchmal erdrückt mich selbst das Gefühl von Ohnmacht derart, dass ich es kaum auszuhalten vermag. Wir sehen Bilder aus den letzten 17 Jahren, in denen wir zusammen mit unserem Pastor eine Gemeinschaft aus Freunden aufgebaut und gelebt haben. Ich erkenne auf diesen Bildern in einigen Kindergesichtern die Erwachsenen, die vor mir sitzen. Es sind u.a. sie, die kurz darauf über die Liebe singen: „Die Liebe ist gütig, geduldig und freundlich, die Liebe verletzt nicht und redet nicht schlecht. Die Liebe sucht Frieden, freut sich an der Wahrheit, sie trägt dir nichts nach, und sie sucht nicht ihr Recht. Die Liebe verändert den Weltenverlauf, die Liebe hört niemals auf.“ (Markus Pytlik) Unser Pastor singt leise am Altar mit und lächelt. Diese Menschen wissen, was Liebe bedeutet.

Als am Ende des Sonntagsgottesdienstes jeder mit einer Blume nach vorn geht und sie unserem Pastor Thomas Laufmöller bringt, laufen vielen Menschen die Tränen die Wange hinunter. Er sitzt auf der Treppe vor dem Altar und schaut jeden an, der eine Blume vor ihm in die Vasen steckt. Sein Lächeln ist von solch einer Warmherzigkeit, dass die Menschen gar nicht anders können, als zu weinen. Während vor ihm ein Meer aus bunten Blumen wächst, erkenne ich deutlich, was ich nun verliere: dieses Erleben von Liebe im Umgang miteinander, diese Strahlkraft.

Inmitten der fassungslosen und unermesslichen Traurigkeit war das unvergesslich Schöne in seiner ganzen Tiefe wahrnehmbar und erlebbar. Das war das Licht, von dem wir in der Predigt gehört hatten. Mir fiel ein Gedicht von Mascha Kaléko ein:

Ich tat die Augen auf und sah das Helle,

Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort. –

Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle,

Das trug wie eine Welle mich hinfort.

 

Und Licht ergoss sich über jede Stelle,

Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. –

Ich tat die Augen auf und sah das Helle,

Nun schließ ich sie sobald nicht wieder zu.

 

Leider ist es nun zu spät – der Bischof kann dieses Licht und diese Liebe bei uns nicht mehr kennenlernen. Die Kirche hat wieder eine Möglichkeit vertan, sich von der Finsternis zu lösen und dem Wesen Jesu Christi nachzuspüren. Ich selbst folge in meiner Zukunft lieber weiter diesem Licht. Wenn man es einmal im Herzen gespürt hat, kann man dieses Herz nicht mehr vor der Liebe verschließen. Es fliegt empor.

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Unbändiger Glauben