Wahrhaftigkeit

In seiner ersten Predigt in Wolbeck hat Thomas Laufmöller einige Dinge aus seiner Sicht richtiggestellt, die die Bistumsleitung in den letzten Monaten über ihn anders berichtet hatte. So hatte der Personaldezernent des Bistums Münster im Interview in Kirche und Leben am 02.12.2020 gesagt: “Pfarrer Laufmöller wird nicht gegen seinen Willen aus der Gemeinde genommen.” An diesem Wochenende im August 2021 spricht Thomas Laufmöller, für den Wahrhaftigkeit ein zentraler Lebensinhalt ist, nun von einer “Zwangsversetzung” und dass er sich anstelle von “Mitteilungen” von der Bistumsleitung eher “Gespräche auf Herzenshöhe” unter Christ:innen gewünscht habe. Aber nicht einmal einen “ehrlichen Dialog auf Augenhöhe” habe es gegeben.

Die Stephanusgemeinde hat in der Folge der intransparenten Versetzung wiederholt für Transparenz und Wahrhaftigkeit geworben. Dabei ging es nie darum, dass der Bischof nicht das Recht hat, Pfarrer zu versetzen. Aber dass dies offenbar in diesem Fall auf der Grundlage irreführender Behauptungen geschehen sollte, war Anlass mehrfacher Protestveranstaltungen. Die Unterstützung durch unsere Gemeinde während der vergangenen Monate bezeichnete Thomas Laufmöller in seiner jetzigen Predigt als “Trost in schweren Zeiten”.

Da das Verständnis von Wahrhaftigkeit und freiem Willen am Domplatz ein völlig anderes zu sein scheint als in der Aaseestadt, lohnt es sich, auch andere Aussagen der Bistumsleitung nochmals genauer anzuschauen.

Der Stephanusgemeinde hat das Bistum von Beginn an unterstellt, dass im Zuge der Proteste und Reden am 1. Advent 2020 (dem Wochenende, an dem der Personaldezernent die Abberufung verkündet hatte) “Seelsorger oder gewählte Gremienvertreter aus der Pfarrei persönlich angegriffen worden seien”. Wir haben derlei Vorkommnisse nicht erlebt. Die Darstellungen des Bistums beruhten allem Anschein nach auf Berichten des Seelsorgeteams und des Pfarreirats St. Liudger, mit denen sich der Bischof exklusiv getroffen hatte. Auch der Pfarreirat St. Liudger, der sich eine Fortsetzung der Seelsorge durch die konservative Gemeinschaft Emmanuel gewünscht hatte, und das Seelsorgeteam, das zu dem Zeitpunkt in der Mehrheit aus Mitgliedern dieser Gemeinschaft bestand, stellten sich öffentlich gegen die Unverständnisäußerungen in der Stephanusgemeinde. Dies wurde zum Ursprung des Vertrauensverlustes gegenüber Pfarreirat und Seelsorgeteam. Da sich die Gemeinde durch ihre Vertreter:innen im Pfarreirat nicht mehr repräsentiert fühlte, empfahl der Gemeindeausschuss von St. Stephanus den Gremienmitgliedern den Rücktritt. Dieser Empfehlung sind die Vertreter:innen gefolgt. Nachdem der Pfarreirat sich zunächst geweigert hatte, alle vom Gemeindeausschuss St. Stephanus vorgeschlagenen neuen Mitglieder zu bestätigen, konnten schließlich alle Sitze im Pfarreirat mit Menschen besetzt werden, die das Vertrauen der Stephanusgemeinde genießen.

Nun wurden uns mehrere Originaltonaufnahmen vom 1. Advent (spontane Reden nach den Gottesdiensten) zugespielt, die ein völlig anderes Bild zeichnen, als die Bistumsleitung es versucht hatte. Wir haben die Tonaufnahmen transkribiert. Die Sprecher:innen konnten wir identifizieren. Sie sind mit der Veröffentlichung einverstanden, bitten aber darum, explizit darauf hinzuweisen, dass keine der Reden vorbereitet war, sondern in der Emotionalität der Situation spontan vorgetragen wurde. Bitte machen Sie sich selbst ein Bild, ob die Grundstimmung, die in diesen Reden erkennbar ist, zum Anlass genommen werden kann, der Stephanusgemeinde „persönliche Angriffe“ zu unterstellen.

Sprecher:in 1:

„[…] Ich bin so katholisch sozialisiert, wie es eigentlich nur geht. Ich will nicht reden gegen die anderen Priester, gegen die Gemeinschaft Emmanuel. Ich finde: Es sollte Vielfalt geben. Es darf jeder sich das Angebot raussuchen, das er möchte. Wer die Messe nach tridentinischem Ritus feiern möchte, der soll das tun. Da gehe ich nicht hin und sage: Lass das sein! Was mich aber bestürzt, ist, dass gegen eine Gemeinde, die mich anspricht, wo ich das Gefühl habe, hier wird Vielfalt gelebt, ein solches Zeichen gesetzt wird. Und das kann man nicht anders verstehen: als ein Zeichen, wenn ein Pastor gegen seinen Willen und gegen den Willen der Gemeinde, ohne erkennbare Gründe abgezogen wird [Applaus]. Und DAS ist nicht katholisch, im Sinne von „umfassend“. Und das bestürzt mich. Und da frage ich mich, ob das MEINE katholische Kirche ist, die SO geführt wird [Applaus]. Bitte sagen Sie das auch dem Bischof. Die Gemeinschaft Emmanuel spricht mich persönlich nicht an, das sind aber nicht meine Feinde. Aber es bestürzt mich, dass hier das Glied vom Leib abgetrennt wird, wo wir doch alle Glieder desselben Leibes sein wollen. Danke. [Applaus]“

Sprecher:in 2:

„[…] Jetzt erst wissen wir, was mit uns passieren wird. Wir wissen, dass unsere Sorgen berechtigt waren. Wir Menschen aus St. Stephanus sind zutiefst bestürzt wegen der Veränderungen, die das Leben in unserer Gemeinde nachhaltig beeinflussen werden. Mit unseren Unterschriften möchten wir alle unsere Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Es sind KEINE Unterschriften unter irgendwie geartete Austrittserklärungen aus dieser Kirche. Dies wird uns bereits im Internet nachgesagt. Es sind auch KEINE Unterschriften gegen Emmanuel, sondern FÜR UNS [Applaus]. Wir wünschen uns auch in Zukunft ein breit gefächertes seelsorgerisches Angebot auf dem Weg durch unser Leben. Genauso wie ein Schiff nicht nur einen einzigen Leuchtturm benötigt, um sicher den Hafen zu erreichen. Vielfalt ist Reichtum und zu diesem Reichtum und zu dieser Vielfalt gehört unbedingt unser geschätzter Pastor. Wir sind EINE Gemeinde [Applaus]. Ich gebe Ihnen jetzt die restlichen Listen im Vertrauen darauf, dass Sie sie an unseren Bischof weiterleiten werden. In den vorigen Messen habe ich geschlossen mit den Worten: Wer sich von dem, was ich soeben gesagt habe, vertreten fühlt, der möge jetzt aufstehen [Applaus].“

Sprecher:in 3:

„[…] Man kann mit der Pastoral von Thomas Laufmöller zufrieden sein. Man kann auch eine ganz andere Pastoral mögen. Man kann sich um Personen streiten oder auch nicht, das ist in dem Fall auch gar nicht das Wichtige, sondern das Wichtige ist: Es ist doch erstaunlich, dass es der Bistumsleitung offensichtlich nicht gelingt, hier einen Prozess zu initiieren, der von Transparenz geleitet wird und in dem sie es schafft, mit der Gemeinde auf Augenhöhe zu kommunizieren [Applaus]. Das allein ist ein sehr trauriges Zeichen.“

Sprecher:in 4:

„[…] demokratischen Staates nicht gefallen, wie hier Macht missbraucht wird [Applaus]. Ich werde weiter Leserbriefe schreiben. Ich werde weiter in der Öffentlichkeit meine Meinung sagen. Ich werde sie laut hinausschreien. Ich lasse mir das nicht gefallen. Und ich denke: Viele in dieser Gemeinde auch nicht. Nicht mit uns [Applaus].“

Sprecher:in 5:

„[…] Er ist derjenige, und das ist ganz selten, der für Sterbende Zeit hat, der sich an ihre Seite setzt, der nicht sagt „ich hab´ da aber einen Termin“ [Applaus]. Er ist derjenige, der Trauernden Sinn geben kann, auch im Glauben. Ich weiß das, weil ich an diesem Trauergesprächskreis auch teilgenommen habe. Und der trotzdem nicht sich selber in den Mittelpunkt stellt, sondern versucht, Menschen zu finden, die sich gegenseitig stärken, die sich gegenseitig aufrichten, die eine Gruppe bilden, damit er sich auch wieder rausnehmen kann, um andere Dinge zu machen, die für die Gemeinde sinnvoll sind [Applaus]. Sagen Sie Bischof Felix Genn, dass er uns unendlich viel nimmt [Applaus]. Herr Laufmöller gibt uns Wurzeln und er gibt uns Flügel. Und diese Flügel werden wir nutzen [Applaus].“

Sprecher:in 6:

„[…] nicht, dass uns unser Pastor genommen wird. Worum es gerade wirklich geht und was uns wütend macht, das sind die strukturellen Fragen dahinter. Ich möchte gar nicht irgendein Feuer legen, das diese Gerüchte um einen Personenkult groß macht, denn darum geht es nicht. Ich finde, das sind auch böse Verleumdungen, die mich auch in den letzten Tagen über die sozialen Medien erreicht haben: Wir wären hier eine Gemeinde von hörigen Schafen, die einem Priester verfallen wären, weil er gut reden könnte. Da sind sehr gemeine Sachen passiert, ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben. Und darum geht es gar nicht. Es geht nicht darum, dass er ein brillanter Redner ist oder ein toller Priester, ein guter Seelsorger und ein Begleiter in allen Lebenslagen. Es geht darum, dass sich hier symptomatisch und beispielhaft zeigt, was in unserer Kirche gerade falsch läuft [Applaus]. Ich würde das gern mit aller Sachlichkeit und auch mit aller Demut als gläubige:r Christ:in vortragen, aber ich glaube, Sie können entschuldigen, dass auch ich emotional ganz schön in Wallung geraten bin seit gestern Abend. Diese Kirche hat so viel Schuld auf sich geladen als Institution [Applaus]. Und auch die Art und Weise, wie Frauen nach wie vor systematisch ausgeschlossen werden, wie über die Bedürfnisse und Wünsche der Gläubigen hinweg Dinge entschieden werden, wie Partizipation ein Fremdwort zu sein scheint, wie die Grundsätze des 2. vatikanischen Konzils missachtet werden und so getan wird, als wäre das alles nicht gesagt oder geschrieben worden [Applaus]. Das sind alles Dinge, die beschäftigen mich und uns als junge und wachsame Menschen und als Glieder dieser Kirche und als wache und aufmerksame Menschen in dieser Welt und Gesellschaft. Da müssen Sie gar nicht so weit schauen, da müssen Sie noch nichtmal bis nach Köln schauen. Wenn Sie sehen, wie mit den Opfern des Missbrauchsskandals umgegangen wird. Mit welcher Missachtung und Retraumatisierung da Wunden wieder aufgerissen werden. Ich könnte noch Dinge aufzählen, das muss ich nicht machen, die kennen Sie alle selber. Aber in einer solchen Situation, in einer SOLCHEN Situation nicht den Anstand und die Größe zu haben, wenigstens auf die Fragen der Menschen eine Antwort zu geben, ihnen in die Augen zu schauen, ihre Bedürfnisse und Nöte wahrzunehmen, als Christen, als gläubige Christen, die mit beiden Beinen fest auf der frohen Botschaft stehen und diese in die Welt tragen möchten. Ich stehe fragend und wundernd davor, wie man so allein gelassen werden kann und ich bitte Sie, das dem Bischof auch zu sagen [Applaus].“

Um es abschließend ganz klar zu sagen: Jede neue Seelsorgerin und jeder neue Seelsorger, jeder Priester und jeder Mensch ist in St. Stephanus jederzeit herzlich willkommen. Wir bauen unser lebendiges und offenes Gemeindeleben jeden Tag weiter aus. Wir wollen aber unabhängig davon die Geschehnisse seit dem 1. Advent 2020 transparent machen.

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