Antwort an Dr. Klaus Winterkamp
“Wertschätzung” und “Kommunikation”
Antwort auf die Standardantwort
des Generalvikars
16.12.2020
Sehr geehrter Herr Generalvikar Dr. Winterkamp,
gestern fand ich in unserem Briefkasten Ihre Antwort auf meinen Brief, den ich am 1.12.2020 an Bischof Felix Genn geschickt habe. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass der Bischof meinen nicht von Unmutsbekundungen sondern von persönlichen Schilderungen und einer großen Bitte geprägten Brief nicht selbst beantworten kann, angesichts der offenbar großen Flut von Briefen und E-Mails, die zu der aktuellen Situation in der Gemeinde St. Stephanus derzeit bei ihm eingehen. Auch die Lokalpresse erhält derzeit täglich zwischen 20 und 30 Leserbriefe zu diesem Thema. Eine persönliche Antwort kann ich also in dieser Situation kaum erwarten. Offen gestanden wäre es mir aber nach der Lektüre Ihres Briefes lieber gewesen, ich hätte ihn nicht erhalten. Ich möchte mich zu einigen Punkten äußern und hoffe, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Ausführungen zu lesen.
„Gründe“:
Sie schreiben, dass es zu den vielen Fragen nach dem „Warum?“ dieser Entscheidung in letzter Zeit vermehrt öffentliche Interviews und Erklärungen gegeben habe. Interviews? Ja. Erklärungen? Nein. Versuchen Sie doch einmal, einen Schritt zurück zu treten und den Sachverhalt als Unbeteiligter zu sehen. Können Äußerungen wie: man müsse „auf das Ganze schauen“, man werde „die Seelsorge im nächsten Jahr personell neu aufstellen“, es sei gut für Seelsorger und Gemeinde, sich nach einigen Jahren noch einmal auf „etwas neues“ einzulassen, bis hin zu der Äußerung, man hätte besser schon 2016 einen „personellen Schnitt“ machen müssen, aus Ihrer Sicht mündigen aktiven Christen mit einem lebendigen Gemeindeleben als Antworten auf eine solche Personalentscheidung wirklich genügen? Wie erklären Sie vor dem Hintergrund des Priestermangels, dass man einem unzweifelhaft bei vielen Menschen äußerst beliebten Seelsorger den Anteil in der Seelsorge von 50 auf 30 Prozent kürzt? Und warum erklärt man einer Gemeinde mit so vielen aktiven Gläubigen nicht, warum man sie ohne konkrete Perspektive lässt, während der Pastor in eine Gemeinde versetzt wird, die schon über eine reiche personelle Ausstattung verfügt?
„Wertschätzung“:
Wertschätzung drückt sich aus meiner Sicht nicht dadurch aus, dass man über jemanden sagt, dass man ihn wertschätzt. Wertschätzung zeigt sich vielmehr darin, wie man jemanden behandelt. Dass Sie auf unseren Vorwurf an den Bischof, diese Entscheidung mitten in der Pandemie und kurz vor Weihnachten zur Unzeit bekannt gegeben zu haben, nun schreiben, die Bekanntgabe sei seitens des Bistums erst für 2021 geplant gewesen aber auf Drängen von Thomas Laufmöller bereits zu diesem frühen Zeitpunkt erfolgt, spricht eine deutliche Sprache. Ist es Ihr Zeichen von Wertschätzung, dass Sie sich auf diese Weise von seinem Wunsch bzgl. der Bekanntgabe distanzieren? Oder geben Sie damit nicht vielmehr Thomas Laufmöller die alleinige Verantwortung dafür? Wenn der Bischof schon nicht dem Wunsch von Thomas Laufmöller entsprochen hat, ihn in St. Stephanus zu belassen, so hätte er doch auch bzgl. des Zeitpunktes anders entschieden wenn er den Zeitpunkt für falsch gehalten hätte, oder nicht?
Die Antwort auf die Frage, ob Thomas Laufmöller seine Gemeinde darauf vorbereitet hat, dass auch er nicht für immer im Gemeindeteil St. Stephanus tätig sein wird, können Sie sich sicherlich selbst beantworten. Sie selbst zitieren die Vertraulichkeit der persönlichen Gespräche. Was also glauben Sie?
„Kommunikation“:
In der Öffentlichkeitsarbeit Tätige wissen, dass man unpopuläre Entscheidungen positiv verkaufen muss. Und vor allem muss man die Menschen, die mit den Konsequenzen leben müssen, bei der Entscheidung mitnehmen. Tut man das nicht, muss man mit so einem Protest rechnen, wie ihn das Bistum jetzt erlebt. Aber anstatt jetzt einen Schritt auf uns zuzugehen, werden wir weiter abgekanzelt. Sie sagten Ihre Teilnahme an unserer Demonstration am vergangenen Sonntag vor dem Hintergrund der steigenden Corona-Zahlen ab und appellierten an unsere Verantwortung, ebenfalls auf die geplante Demonstration zu verzichten. Wird hier wirklich der gleiche Maßstab angelegt, wenn das Bistum aktuell (ab dem 16.12.2020) zu der Durchführung von Gottesdiensten auf der Internetseite schreibt: „Grundsätzlich ist die Teilnehmerzahl auf 250 im Innenbereich (auch in Turnhallen, Zelten, Reithallen etc.) und auf 500 im Außenbereich begrenzt.“ Ist ein Gottesdienst mit 500 Menschen unter freiem Himmel verantwortungsvoll, eine Demonstration mit 250 Menschen unter freiem Himmel aber nicht?
Der Pressesprecher des Bistums wirft uns im Hinblick auf die Durchführung der Demonstration am vergangenen Sonntag in den sozialen Medien Verantwortungslosigkeit vor, man stellt unseren Glauben und unser Kirchenbild in Frage und wirft uns Personenkult vor. Und die wenigen Personen, die abgesehen von der Pressestelle des Bistums die Entscheidung des Bischofs verteidigen, treten in den sozialen Medien überwiegend mit Fake-Profilen und Nicknames auf und verunglimpfen Menschen wie z.B. unsere Messdienerleiterin, die mutig und unter Angabe ihres tatsächlichen Namens ihre Meinung öffentlich vertreten haben. Das Bistum sollte sich gut überlegen, welchen Eindruck es erweckt, wenn es nicht gegen solche Meinungsmacher angeht und Stellung bezieht.
„Werte“:
Für mich gründet sich der christliche Glauben auf Werte wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Vertrauen, Vergebung und die Möglichkeit zur Umkehr. Und die Kirche ist für mich die Institution, die den Rahmen dafür schafft, dass diese Werte transportiert und erfahren werden können. Doch nichts von dem erlebe ich aktuell.
Schließlich bitte ich herzlich darum, dass Sie uns als mündige Christen wahrnehmen, die selbst entscheiden, für wen und für was Sie sich stark machen. Wir wurden und werden in keinster Weise instrumentalisiert. Wir bringen unsere Kritik sachlich vor und sind kein pöbelnder Mob, wie es die Äußerungen des Bischofs im Interview, sicherlich beeinflusst durch die Stellungnahmen von Pfarreirat und Seelsorge-Team vermuten lassen. Die Verantwortung für den Protest tragen wir allein. Und wir haben Antworten auf unsere Fragen, die im übrigen inzwischen deutlich über die Personalentscheidung des Bischofs hinausgehen, verdient.
Ich erwarte auf diesen Brief – auch angesichts Ihrer kostbaren Zeit – keine Antwort. Aber wir hier in der Gemeinde erwarten ein ehrlich gemeintes konkretes Gesprächsangebot von Bischof Genn. Und wir hoffen, dass er zu diesem Gespräch Antworten auf unsere Fragen mitbringt!
Mit freundlichen Grüßen