Einseitige Berichterstattung?
Die Abberufung unseres Pastors Thomas Laufmöller, die die Gemeinde unvorbereitet traf und mit der Verlesung der Bischofsentscheidung am 1. Adventswochenende den bis heute anhaltenden Protest der Gemeinde St. Stephanus auslöste, darf man aus Sicht des Bistums Münster wohl als handfeste Krise bezeichnen. Für die Medien sind solche Krisen dankbare Themen, denn sie sind in der Regel über einen längeren Zeitraum aktuell und bieten zahlreiche Möglichkeiten der Berichterstattung aus unterschiedlichen Perspektiven. Das lässt sich auch an dieser Krise und ihrer Resonanz in den Westfälischen Nachrichten (WN) in den folgenden Schritten gut nachvollziehen:
Nachdem die WN mit der Verkündung der Entscheidung zunächst verständlicherweise die Reaktion der Gemeinde in den Blick nahmen, ließen sie das Bistum ausführlich zu Wort kommen. Das Bistum veröffentlichte unmittelbar nach dem persönlichen Gespräch des Bischofs mit Thomas Laufmöller am 5.12.2020 eine Pressemitteilung, die selbstverständlich von den WN aufgenommen wurde. Einen Tag später erschien in den WN ein Interview mit dem Personaldezernenten Karl Render, der ebenfalls zu diesem Thema Stellung bezog.
Am 4.12.2020 hatten Seelsorge-Team und Pfarreirat auf der Internetseite der Pfarrei St. Liudger eigene Statements veröffentlicht, in denen sie behaupteten, die Gemeinde hätte aus Enttäuschung über die Entscheidung den Bischof, den Pfarreirat und Mitglieder des Seelsorge-Teams lautstark und aggressiv öffentlich diffamiert. Die Gemeinde hat diesen Vorwurf zurückgewiesen, was die WN am 7.12.2020 berichtet haben. Am 10.12.2020 folgte wiederum der Perspektivwechsel durch das Bischofsinterview in den WN, in dem Bischof Genn den Vorwurf von Seelsorge-Team und Pfarreirat fraglos übernahm.
An der Ankündigung der Demonstration und dem Bericht über die Kundgebung auf dem Domplatz am 13.12.2020 mit etwa 350 Personen kamen die WN natürlich nicht vorbei. Es folgten noch die Ankündigung des Gesprächs mit dem Bischof und der Bericht über das Gespräch mit sechs Vertreter*innen der Gemeinde am 18.1.2021. Seitdem ist es in den WN still um das Thema geworden. Zahlreiche zu diesem Thema verfasste Leserbriefe sind noch nicht abgedruckt worden.
Das abgekühlte mediale Interesse könnte zwei Gründe haben. Eine Erklärung könnte sein, dass aktuell scheinbar nichts passiert. Ein lange ersehntes Gespräch der Gemeinde mit dem Bischof hat stattgefunden, die Argumente wurden ausgetauscht, nun ist es auch gut – könnte man meinen.
Gut ist aber leider gar nichts, denn auch der Versuch der Einflussnahme auf die Berichterstattung der WN könnte eine mögliche Erklärung dafür sein, dass das Thema nach dem 19.1.2021 dort nicht mehr vorkommt. Im veröffentlichten Protokoll der Pfarreiratssitzung vom 13.1.2021 wurde festgehalten, dass zwei Vertreterinnen des Pfarreirates wegen der Berichterstattung in den WN ein Gespräch mit dem Pressesprecher des Bistums, Herrn Dr. Kronenburg, geführt haben. Demnach sollte es ein weiteres Gespräch mit dem Chefredakteur der WN Herrn Dr. Tiemann, dem Leiter der Lokalredaktion Herrn Repöhler, und eventuell Herrn Kalitschke, dem Autor der meisten Artikel zu diesem Thema, geben.
Aus Sorge, dass hier die im Grundgesetz verankerte Pressefreiheit missachtet werden könnte, habe ich den Herrn Dr. Kronenburg und Herrn Dr. Tiemann angeschrieben. Dr. Kronenburg beschrieb mir daraufhin, wie sich ihm der Sachverhalt darstellt:
Aus Sicht der gewählten Mitglieder des Pfarreirates habe es in der Berichterstattung der WN Mängel und einseitige Darstellungen gegeben. Diese hätten, so die Wahrnehmung der Gremienmitglieder, auch die Mitglieder des Pfarreirates selbst in Misskredit gebracht und den Konflikt weiter geschürt. Er sei um einen fachlichen Rat gebeten worden, wie der Pfarreirat seine Kritik gegenüber der Zeitung am besten zum Ausdruck bringen könne. Er habe daraufhin ein persönliches Gespräch mit Herrn Repöhler und Herrn Dr. Tiemann empfohlen, Dass man sich bei kritischen Wahrnehmungen und unterschiedlichen Auffassungen miteinander unterhalte, halte er für vollkommen normal.
Dass durch die Berichterstattung Mitglieder des Pfarreirates selbst in Misskredit gebracht worden seien, ist schlicht eine Verdrehung der Tatsachen. Vielmehr gab es offensichtlich den Versuch, die kritischen Nachfragen von zahlreichen Gemeindemitgliedern zu diskreditieren: Ein Pfarreiratsmitglied hat in einem Leserbrief das Verhalten der Gemeinde als „beschämend“ bezeichnet. Und die Diffamierungsvorwürfe der Gremien an die Gemeinde wurden von Bischof Genn übernommen und in den WN abgedruckt. Mein Eindruck ist: Hier stilisieren sich Täter zu Opfern.
Und schließlich ist es eine Frage des Stils, wenn man sich mit einer Pauschalkritik direkt an den Redaktionsleiter und sogar an den Chefredakteur wendet, also an die Vorgesetzten, und nicht zuerst das Gespräch mit dem Autor der meisten Artikel sucht. Das spricht eine deutliche Sprache.
Selbstverständlich ist es gut und richtig, sich bei kritischen Wahrnehmungen und unterschiedlichen Auffassungen miteinander zu unterhalten. Diese Äußerung von Herrn Dr. Kronenburg würden vermutlich alle Mitglieder der Gemeinde St. Stephanus unterschreiben. Diesem Anspruch sind die Verantwortlichen im Bistum und in den Gremien jedoch bislang kaum gerecht geworden.
Es bleibt zu hoffen, dass die WN, die seit der Auflösung der Redaktion der Münsterschen Zeitung vor einigen Jahren als Printmedium eine Monopolstellung in Münster haben, (weiterhin) unabhängig und geschützt durch die Pressefreiheit berichten können. Dr. Tiemann hat auf meine Nachricht bis heute nicht geantwortet.
Nachtrag vom 5.3.2021:
Inzwischen wissen wir aus erster Hand, dass das von Dr. Kronenburg vermittelte Gespräch zwischen Vertretern des Pfarreirates und dem Chefredakteur der WN tatsächlich stattgefunden hat. Vor dem geschilderten Hintergrund durfte man gespannt sein, wie die WN die für den 27.2.2021 angekündigte Lichterkette für Transparenz und Wahrhaftigkeit, an der sich fast 400 Personen beteiligt hatten, aufnehmen und verarbeiten würden. Trotz der rechtzeitigen Information druckte die Zeitung leider keine Ankündigung des Events. Auch konnte sie leider keine/n Vertreter/in für die journalistische Begleitung des Ereignisses abstellen, weshalb wir die WN tags darauf mit einer Pressemitteilung und Bildmaterial versorgten. Als in der Ausgabe am folgenden Montag keine Notiz in den WN zu finden war, fragten besorgte Gemeindemitglieder bei Chefredakteur Dr. Tiemann nach. Glücklicherweise konnte dieser die Befürchtungen vieler zerstreuen, indem er feststellte: “Die Redaktion der Westfälischen Nachrichten arbeitet unabhängig und weisungsfrei.” Er versprach außerdem den Bericht für den Folgetag.
Dienstags veröffentlichte die Zeitung dann einen Auszug aus der Pressemitteilung und das zur Verfügung gestellte Bildmaterial. Kirchliche Themen am Vortag waren eine Notiz über Bischof Genn im ohne Zweifel wichtigen und Trost spendenden Gebet für die Opfer der Corona Pandemie, sowie die Ankündigung eines Männergottesdienstes in der zu unserer Pfarrei zählenden Gemeinde St. Anna in Mecklenbeck gewesen.