Gruß aus Wolbeck
Rückblick (Dieser Text entstand Mitte Dezember 2020)
Ein Adventsgruß aus Wolbeck
Eigentlich könnte ich mich freuen über die Entscheidung unseres Bischofs. Thomas Laufmöller kommt mit 30 % in meine Gemeinde – nach St. Nikolaus in Wolbeck, wo ich seit 2014 mit meiner Familie lebe.
Ich freue mich aber nicht!
Dafür gibt es zwei Gründe:
Zum einen erlebe ich in meiner Gemeinde aktuell, was es heißt, wenn sich zwar viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen sehr für ein Miteinander und lebendiges Gemeindeleben engagieren, die Strukturen einer Großgemeinde dieses Engagement und persönliche Bindungen aber deutlich erschweren. Es wird für mich bei allen Debatten um Personen immer deutlicher, dass es hier vermehrt um ein strukturelles Problem geht und wir eine Kirche erleben, die mit solchen (Personal- und Fusionierungs-) Entscheidungen völlig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei agiert. Wenn es seit Jahren die scheinbar einzige Möglichkeit ist, wirtschaftliche Interessen und personelle Notlagen (Priestermangel) durch Zusammenlegung einzelner Pfarrgemeinden zu riesengroßen Gemeindeverbünden mit Zehntausenden Gläubigen, verteilt auf mehrere Stadtteile, zu begegnen, darf man sich über den jetzt zu vernehmenden Aufschrei aus St. Stephanus nicht wundern.
Denn, und das ist der zweite Grund, hier zeigt sich eben, wie es anders gehen könnte, was in unserer Kirche möglich ist:
Für mich war die Tatsache, dass es diese Gemeinde gibt, in den letzten Jahren immer eine Erinnerung an meine Kindheit und Jugend in einer lebendigen kleinen Gemeinde (St. Josef Ahaus) und außerdem ein Hoffnungszeichen für unsere Kirche:
Hoffnung? Warum? Weil es….
- einem Pfarrer und seinen Mitarbeiter*innen gelingt, Gemeindemitglieder aller Altersstufen zu motivieren, sich in der Kirche und der Gemeinde zu engagieren. Wer am Sonntag (Anm.: erster Protest am 14.12.) auf dem Domplatz war, sollte sich nicht bedroht fühlen von angeblich diffamierenden Demonstrant*innen, sondern sich freuen über die Menschen verschiedenen Alters, die dort konstruktiv versuchten, ihr Anliegen vorzutragen, ein Anliegen, das nicht nur die Gemeinde St. Stephanus hat!
- einen Seelsorger gibt, der, wie schon oft betont, „nah bei den Menschen ist“, in guten wie in schlechten Tagen. In den Medien war in den letzten Tagen oft von Neid die Rede. Ich gebe offen zu: Auch ich bin und war oft neidisch auf die Menschen, die in dieser Gemeinde leben. Aber nur, weil ich es aus unterschiedlichen Gründen nicht tun kann und es meinen Kindern dadurch nicht möglich war, solch ein Gemeindeleben kennen zu lernen. Der hier veröffentlichte Text „Sorgen einer Mutter“ hat mir noch einmal schmerzlich bewusst gemacht, wie anders meine Kinder in einer Großgemeinde aufwachsen. Sie kennen kaum Amtsträger, jedes kirchliche Ereignis, sei es eine Taufe, der Erntedankgottesdienst oder der seltene Besuch des Pastoralreferenten in der katholischen (!) KiTa, wird von einem anderen Seelsorger gestaltet. Eine positive Bindung und Identifikation ist so für Erwachsene schwierig, für kleine Kinder unmöglich.
- Menschen unterschiedlichen Alters so wichtig ist, dass ihr Gemeindeleben bestehen bleibt, dass sie sich vielfältig dafür engagieren. Das gibt mir Hoffnung für einen positiven Weg in die Zukunft und eine Kirche, die die Bedürfnisse der Menschen ernst nimmt.
Diese Hoffnung brauchte und brauche ich, dass ich mich, trotz aller Probleme, die ich mit meiner Kirche habe, vor meinen Kindern und Schüler*innen glaubwürdig als Christin darstellen kann.
Adventliche Grüße aus Wolbeck sendet
Ricarda Köster
Nachtrag vom 15.4.2021: Das, was ich durchaus spontan und betroffen vor mittlerweile fünf Monaten aufschrieb, liegt mir immer noch am Herzen, auch wenn es immer schwieriger wird, Hoffnung zu bewahren, wenn ich die vielfältigen, für mich hauptsächlich entmutigenden Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren lasse. Ich wünsche Thomas Laufmöller, dass er einen guten Start in St. Nikolaus und die Chance haben wird, seine Talente hier einzusetzen.