St. Stephanus - „Höhle des Löwen“ oder „Heimat“?

„Wir tun unser Möglichstes, wir führen auch Gespräche und rühren die Werbetrommel – aber googeln Sie aktuell mal St. Stephanus...“ Diese Antwort erhielt ein Gemeindemitglied kürzlich auf die Frage, wie das Bistum zur Nachbesetzung der Stelle von Thomas Laufmöller stehe. Was denken potentielle Kandidaten, wenn sie gefragt werden, ob sie sich vorstellen könnten, in dieser Gemeinde als Seelsorger zu wirken? Sehen sie in ihr die sprichwörtliche „Höhle des Löwen“? Was kann ein Seelsorger von der Gemeinde erwarten? Versuch einer Situationsanalyse:

Der Konflikt, der seit der Bekanntgabe der Versetzung von Thomas Laufmöller am 1. Adventswochenende die Internetrecherche nach St. Stephanus dominiert, besteht zwischen der Gemeinde und dem Bistum. Die Gemeinde hätte ihn wohl nur dadurch vermeiden können, dass sie die Nachricht still hingenommen und den benannten Grund – die personelle Neuaufstellung der Pfarrei – nicht in Frage gestellt hätte. Denn eine einmal getroffene Entscheidung nimmt ein Bischof – vermutlich aus Sorge vor Machtverlust – nicht zurück. Ehrt es aber eine Gemeinde nicht, dass sie trotzdem für ihre Anliegen und für ihren Seelsorger eintritt und das scheinbar Unmögliche versucht? Sollte man sein persönliches Engagement für seine Überzeugungen und für andere Menschen von den Erfolgsaussichten abhängig machen? War die Gemeinde grenzenlos naiv zu hoffen, dass der Bischof der inständigen Bitte nachkommen würde, alle Möglichkeiten zu prüfen, wie die gewachsenen Beziehungen von Thomas Laufmöller zur Gemeinde nicht vollständig gekappt werden könnten?

Auch zwischen der Gemeinde und dem Seelsorge-Team bzw. dem Pfarreirat gibt es Spannungen. Beide Gremien distanzierten sich kurz nach der Bekanntgabe der Abberufung in eigenen Statements von dem Verhalten der Gemeinde an dem besagten Verkündungswochenende. Ein damaliges Pfarreiratsmitglied bezeichnete in einem Leserbrief in den Westfälischen Nachrichten das Verhalten der Gemeinde rund um die Abberufung sogar als beschämend. Ist die Gemeinde also ein pöbelnder Mob? Bild- und Tonaufnahmen, die von den Beiträgen in der Kirche existieren, zeichnen ein anderes Bild. Persönliche Angriffe, ein Vorwurf, den dann auch der Bischof fraglos übernommen hat, hat es nicht gegeben. Überspitzt formuliert waren die vermeintlichen Randalierer Familien mit Kindern und freundliche ältere Menschen.

An dieser Stelle sei gesagt, dass entgegen anderslautender Behauptungen auch keine renitente Splittergruppe neben der Gemeinde existiert. „Nicht mit uns“ bzw. „St. Stephanus 2.0“ ist eine Internetseite, diese Internetseite, die den Mitgliedern der Gemeinde die Möglichkeit bietet, sich zu äußern, da ihnen andere Wege, beispielsweise über die Website der Pfarrei verwehrt sind.

Die bestehenden Konflikte müssen von den beteiligten Konfliktparteien schonungslos aufgearbeitet werden. Dabei sollte der Weg in die Zukunft ergebnisoffen und ohne Denkverbote diskutiert werden. Die Gemeinde St. Stephanus versperrt sich dem persönlichen Austausch nicht – im Gegenteil: nach den letzten Gottesdiensten haben Menschen aus der Gemeinde Kontakt zu den Priestern der Emmanuel-Gemeinschaft gesucht und ihnen auf der Seele liegende Fragen gestellt. Sollte das jedoch nicht unterbleiben, könne es sein, dass die Priester nicht mehr kämen. Dann müssten auch Gottesdienste ausfallen, heißt es. Kann man der Gemeinde ein mulmiges Gefühl verdenken, wenn die Durchführung von Gottesdiensten an das Unterlassen von kritischen Fragen geknüpft wird?

Die Stephanuskirche in der Aaseestadt wurde am 11. Dezember 1965 – drei Tage nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils – geweiht und hat quasi von Beginn an den Geist des II. Vaticanums inhaliert. Schon unter Gründungspfarrer Heinz Löker machte sich St. Stephanus einen Namen als lebendige und kreative Gemeinde. Thomas Laufmöller hat die Gemeinde in den letzten 17 Jahren spürbar und nachhaltig geprägt. So stellte er die Frage, wie dem Menschen in seinem Wesen, in seinem Leben, in seinen Beziehungen und in seinem Glauben geholfen werden kann, ins Zentrum. Wie kann die Liebe Gottes den Menschen stärken und seine Fähigkeiten groß machen? Liturgisch bildet sich diese Haltung ab, indem wir anstelle von „Herr, ich bin nicht würdig…“ sagen oder singen: „Herr, Du schenkst mir Würde…“, indem wir beim Vaterunser auf den Embolismus verzichten, und indem als Zeichen der Liebe und Gastfreundschaft der Priester die Kommunion zuerst an die Gemeinde austeilte, bevor er selbst kommunizierte. Und manch einer formuliert beim Vaterunser „Und führe uns in der / aus der Versuchung“, eine Anregung, die nicht zuletzt auf Papst Franziskus zurückgeht, da wir überzeugt sind, dass Gott uns nicht aufs Glatteis führen will. Sind wir schlechtere Christen oder weniger katholisch, wenn wir hier von der strengen römischen Lehre abweichen, wenn wir uns damit wohlfühlen und das gerne beibehalten möchten? Und pflegen wir Personenkult, weil wir gewachsene persönliche Seelsorge schätzen und unser Seelsorger für uns kein austauschbarer Funktionsträger ist?

Nach allem was passiert ist gibt es in St. Stephanus immer noch viele Menschen, die sich mit Leib und Seele engagieren, als Messdiener, im Liturgiekreis, in der KFD, im Seniorenkreis in der Caritas und in vielen weiteren Gruppen. Die Menschen hier schätzen das offene Wort und sie haben ein großes Herz. Und sie werden sich auch weiterhin für Wahrheit, Transparenz und gegen Machtmissbrauch einsetzen. Thomas Laufmöller, dem die Gemeinde so viel verdankt und dem sie fest verbunden bleiben wird, bezeichnete St. Stephanus als Heimat. Eine Heimat verliert man nicht allein durch räumliche Trennung. Eine Heimat kann man aber auch hinzugewinnen und so kann St. Stephanus Heimat werden für denjenigen, der die Gemeinde ernst nimmt und es gut mit ihr meint.

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Wahldebakel im Pfarreirat

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